Urlaub am Gardasee


Vor Beginn des Tourismus war das Gardaseegebiet ein armer Landstrich, das Leben war einfach und hart. In den Kastanien- und Pinienwäldern oberhalb von Gargnano gingen die Männer der archaischen Arbeit des Köhlens nach. Wie weltliche Einsiedler zogen sie wochenlang in die Wälder, fällten Bäume, schnitten Holz, türmten es zu komplizierten Stößen auf, in denen es langsam zu Kohle verglimmte. Dann schleppten sie es hinunter an den See, auf dem Rücken oder dem Schlitten, im Dialekt „barisöla“. Diese wurden an Seilsystemen langsam die steilen Hänge hinabgelassen. Manchmal sieht man noch, an alten gepflasterten Wegen überm See, seltsam gewundene, verrostete Eisenstangen. Hier wurden die Bremsseile eingehängt. Derweilen arbeiteten die Frauen vom frühen Morgen bis in die Nacht auf handtuchschmalen Feldern. Bis heute wachsen im Wald Maulbeerbäume aus den Vorkriegsjahren - die Zucht von Seidenraupen war ein weiteres Zubrot der Bauern.

Sogar die Erde wurde zu Geld gemacht, um das karge Leben aufzubessern. „Spulvrina“, noch ein Dialektwort, ist ein Pulver, ein Mineral, das sich in Lächern im Boden sammelte. Es wurde zum Polieren von Essbesteck verwendet. Viel Besteck hatten sie nicht in den Bauernhäusern, also trugen die Menschen von den Bergen die „spulvrina“ hinunter nach Gargnano, verkauften die Putzerde in kleinen Kartons.

Künstler zog es schon immer an den Gardasee, vor allem Schriftsteller. Um die Wende zum 20. Jh. zog das k. u. k. Städtchen Riva manche Geistesgröße an.

Vielleicht hielten schon die früheren illustren Gäste nach Kunstschätzen Ausschau - wie auch heutige Besucher. Die romanischen Kirchen Bardolinos, San Zeno und San Severo, sind wahre Kleinode; Sant'Andrea in Maderno am gegenüberliegenden Ufer steht ihnen in nichts nach. Weitere Kunstwerke findet man bei Kurzausflügen, sei es bei einem Besuch Trentos mit dem reizenden Domplatz oder auf einer Tour zur römischen Arena von Verona. Reste und Ruinen römischer Besiedlung finden sich allerdings auch am Gardasee zuhauf. Am bekanntesten sind die so genannten Grotten des Catull in Sirmione.

Doch man muss gar nicht speziell Kunstwerke und Sehenswürdigkeiten ansteuern, um die Atmosphäre der Gardaseeorte zu genießen. Erstaunlich gut erhalten sind die Ortskerne, fast nie verschandelt von Neubauten. Für riesige Hotelklötze gibt es am oft schmalen Uferrand einfach nicht genügend Platz, zum Glück. So schlendert man in den Altstadtgassen durch traditionsreiche Baustruktur, kann an manchen Hauswänden ein Fresko entdecken, das typisch italienische Braunrot der Hauswände färbt sich vor allem im Abendlicht in warme Töne. Und vor allem von oben, zum Beispiel von der Burg von Malcesine oder von Desenzano betrachtet, fällt eine andere Schönheit auf: herrliche Dachlandschaften, gebrannte Ziegel in unterschiedlichen Schattierungen, ineinander geschachtelt und wie gewachsen.

Das Leben am See ist heute praktisch durchweg vom Tourismus bestimmt. Denn nicht nur die direkt vom Urlauberstrom Betroffenen wie Hoteliers und Restaurantbesitzer verdienen an den Fremden, sondern natürlich auch der Obstverkäufer mit seinem Marktstand, der Handwerker, der Ferienwohnungen umbaut, der Gardaseefischer, der Trattorien beliefert, der Trentiner Almbauer, der seinen Käse anbietet, und sogar der einsame Trüffelsucher, der am Monte Baldo frühmorgens mit seinem Hund an abgelegene, geheime Plätze zieht.


Rückzugsmöglichkeiten vor den in der Hauptsaison anrollenden Fremden gibt es für die Einheimischen dennoch. In Sportclubs treffen sich die jüngeren Leute, bei der Jagd die älteren Männer, und wo abends aus geöffneten Fenstern der Fernseher zu hören ist, sitzt bestimmt die Familie beim Abendessen. Doch trotz der starken Konzentration auf den Tourismus müssen Sie nicht befürchten, als Urlauber nur abgezockt zu werden. Erstaunlich freundlich bekommt man in den Tourismusbüros die immer gleichen Fragen nach Busfahrplänen, Bademöglichkeiten und Bikecentern beantwortet; in manchen Hotels wird man begrüßt, als käme man schon seit Jahren in dieses Haus, und abends im Restaurant kann es durchaus sein, dass die Bedienung ein italienisches Lied trällert. Und wenn Sie doch mal an einen mürrischen Kellner geraten: Geduld. Es hat ja jeder ein Recht darauf, mal schlechte Laune zu haben. Nur bei denen, die tagein, tagaus mit Besuchern zusammenarbeiten, bekommt man es halt mal zu spüren. Dann können Sie sich immer noch selbst mit Gelassenheit wappnen.

Haben Sie Ihren Cappuccino ausgetrunken? Dann spazieren Sie doch etwas am Seeufer entlang. Wellen plätschern an die Hafenmauer, Kinder balancieren auf der Kaimauer, ihnen schmilzt das Eis aus der Tüte über die Hand. Surfer legen sich im Wasser lang, auf dem Monte Baldo blitzt vielleicht noch etwas Schnee, Oleanderblüten prangen in grellem Rosa, Magnolienbäume werfen ihre Seerosenblüten ab, Kamelien verlocken mit tomatengroßen, schweren Blüten zum Nasehineinversenken. Langsam macht sich die Sonne davon. Nach dem Abendessen werden Sie zurückkehren an den See, denn hier enden alle Wege. Schlendern Sie hinaus auf die Mole, setzen Sie sich an einen Laternenpfahl, und sehen Sie dem Himmel zu, wie er errötet. Und sagen Sie den Satz ruhig noch einmal: >>Doch. Schön hier.?!<<