Der Gardasee: Kunst und Kultur


Vor Beginn des Tourismus war das Gardaseegebiet ein armer Landstrich, das Leben war einfach und hart. In den Kastanien- und Pinienwäldern oberhalb von Gargnano gingen die Männer der archaischen Arbeit des Kählens nach. Wie weltliche Einsiedler zogen sie wochenlang in die Wälder, fällten Bäume, schnitten Holz, türmten es zu komplizierten Stößen auf, in denen es langsam zu Kohle verglimmte. Dann schleppten sie es hinunter an den See, auf dem Rücken oder dem Schlitten, im Dialekt barisäla. Diese wurden an Seilsystemen langsam die steilen Hänge hinabgelassen. Manchmal sieht man noch, an alten gepflasterten Wegen überm See, seltsam gewundene, verrostete Eisenstangen. Hier wurden die Bremsseile eingehängt. Derweilen arbeiteten die Frauen vom frühen Morgen bis in die Nacht auf handtuchschmalen Feldern. Bis heute wachsen im Wald Maulbeerbäume aus den Vorkriegsjahren - die Zucht von Seidenraupen war ein weiteres Zubrot der Bauern.

Sogar die Erde wurde zu Geld gemacht, um das karge Leben aufzubessern. Spulvrina, noch ein Dialektwort, ist ein Pulver, ein Mineral, das sich in Löchern im Boden sammelte. Es wurde zum Polieren von Essbesteck verwendet. Viel Besteck hatten sie nicht in den Bauernhäusern, also trugen die Menschen von den Bergen die spulvrina hinunter nach Gargnano, verkauften die Putzerde in kleinen Kartons.

Künstler zog es schon immer an den Gardasee, vor allem Schriftsteller. Um die Wende zum 20. Jh. zog das k. u. k. Städtchen Riva manche Geistesgröße an; Friedrich Nietzsche und Thomas Mann zählten zu den Gästen, Franz Kafka  war 1917 in Riva.

Vielleicht hielten schon die früheren illustren Gäste nach Kunstschätzen Ausschau - wie auch heutige Besucher. Die romanischen Kirchen Bardolinos, San Zeno und San Severo, sind wahre Kleinode; Sant'Andrea in Maderno am gegenüberliegenden Ufer steht ihnen in nichts nach. Weitere Kunstwerke findet man bei Kurzausflügen, sei es bei einem Besuch Trentos mit dem reizenden Domplatz oder auf einer Tour zur römischen Arena von Verona. Reste und Ruinen römischer Besiedlung finden sich allerdings auch am Gardasee zuhauf. Am bekanntesten sind die so genannten Grotten des Catull in Sirmione.

Doch man muss gar nicht speziell Kunstwerke und Sehenswürdigkeiten ansteuern, um die Atmosphäre der Gardaseeorte zu genießen. Erstaunlich gut erhalten sind die Ortskerne, fast nie verschandelt von Neubauten. Für riesige Hotelklötze gibt es am oft schmalen Uferrand einfach nicht genügend Platz, zum Glück. So schlendert man in den Altstadtgassen durch traditionsreiche Baustruktur, kann an manchen Hauswänden ein Fresko entdecken, das typisch italienische Braunrot der Hauswände färbt sich vor allem im Abendlicht in warme Töne. Und vor allem von oben, zum Beispiel von der Burg von Malcesine oder von Desenzano betrachtet, fällt eine andere Schönheit auf: herrliche Dachlandschaften, gebrannte Ziegel in unterschiedlichen Schattierungen, ineinander geschachtelt und wie gewachsen.